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Cerro Torre Winterbegehung von Tom Dauer und Michi Wärthl

»Wenn man bei der Schilderung der Schrecknisse Schiffbruch leidet, so nur deshalb, weil man die Schrecknisse erst hinterher, im Nacherleben, in der Rückerinnerung erfunden hat. Beim tatsächlichen Erleben waren sie gar nicht da.« (Antoine de Saint-Exupéry, Wind, Sand und Sterne)

Text und Photos: Tom Dauer

Alle Fotos: (c) Michi Wärthl, www.unterwextrem.de

Das Ziel ist im Weg

Auf den Cerro Torre hinaufzukommen, ist ein Glück. Nicht hinaufzukommen ist ärgerlich, aber keine Schande. Ein Stellvertreterbericht.

Von Tom Dauer
Zuhause hatten wir uns ein Bild gemacht. Aufgrund unseres Fernwehs und selektiver Erinnerungen. Jetzt warteten wir, bis die Wirklichkeit so werden würde, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Seit drei Wochen schon. Genauso gut hätten wir auf ein Wunder hoffen können. Es war Juli, südamerikanischer Winter, und es regnete, schneite, immerzu. Nur an manchen Tagen stieg der Luftdruck und versprach Wetterbesserung. Dann stellte sich der Wind wieder ein, dieser unerbittliche patagonische Wind, der unsere Träume mitnahm wie der Herbststurm das Laub.

Waren wir Bruce Chatwin und all den anderen Geschichtenerzählern (vgl. S. xx) aufgesessen, die Patagonien in Poesie und Mythos verwandelt hatten? Wie so viele vor uns, »Roulettespieler, die nicht mehr aufhören können, obwohl sie schon fast alles verspielt haben, was sie besitzen« (Reinhard Karl). Denn auch das ist Patagonien geworden, losgelöst vom staubigen Alltag derer, die dort leben und arbeiten: ein Nirwana für Reisende und Bergsteiger. Vielleicht war es gerade die gottverlassene, große Unbekannte Patagonien, die Raum für unsere Projektionen bot. Einsamkeit, Stille und Natur ohne Zugangsverbote, so hatten wir uns das vorgestellt.

Daheim hatten wir aus dem Schatzkästchen ungelebter Träume einen neuen gezogen. Im Winter wollten wir nach Patagonien. Zu dieser Jahreszeit leben in El Chaltén gerade 180 Menschen. Das sind nur halb so viel wie im Sommer. Schön ist es nicht, wenn der Ort am Ende der Straße seine geschäftige Maske ablegt. Wenn die Touristen nur noch auf Sparkonten anwesend sind. Dann werden die zur Saison notdürftig kaschierten Wunden sichtbar, die schlammigen, unbefestigten Straßen, der Bauschutt, den niemand wegräumt, die achtlos weggeworfenen Batterien, die Stromkabel, die immer noch niemand unter die Erde verlegt hat. Doch El Chaltén hat auch seinen Charme, herb und wild. Öfen werden geheizt, Holzfeuer geschürt. Die Menschen am Fuß der Berge rücken zusammen.

Wegen des Cerro Torre waren wir gekommen, der wie ein mahnender Zeigefinger hinter den Hügeln hervorlugt, die El Chaltén umschließen. Doch nur selten ist er sichtbar. Meist ist er eingehüllt in Wolken, umtost vom unablässigen Westwind. Die Menschen in El Chaltén kümmert das nicht. Der Berg ist da, mehr nicht. Wir dagegen hatten uns vorgenommen, etwas vollkommen Sinnloses zu tun.

Michi Wärthl liegt auf der hölzernen Sitzbank und schläft. Es ist minus fünf Grad kalt, drei Uhr morgens und der Geruch scharfen Reinigungsmittels hängt im Wartesaal des Busterminals. Der müsste mir schon sehr Böses tun, dem ich wünschen würde, in Rio Gallegos wohnen zu müssen. Das Städtchen an der Atlantikküste ist eines der trostlosesten. Vor allem, wenn tief hängende Wolken und der Nieselregen den ohnehin nur acht Stunden langen Tag nicht richtig hell werden lassen. Michi und ich haben nichts dagegen, schnell wieder wegzukommen. Mittags sind wir gelandet, aus Buenos Aires kommend. Haben Lebensmittel für vier Wochen eingekauft und warten jetzt auf den Bus, der uns nach El Calafate und von dort weiter nach El Chaltén bringen soll. Neun Gepäckstücke haben wir, die zusammen 160 Kilo wiegen.

Während der Busfahrt quälende Gedanken: Wenn es hier schon so kalt ist, wie soll es dann erst auf dem Hielo Continental werden? Ob es eine gute Idee war, zu zweit auf das Inlandeis zu gehen? Wir wollen es zwar nur ganz am Rand kratzen, dennoch: Respekt! Ein Sturm dort im Winter, wenn der Wind über das Eis fegt, dann hilft nur noch beten – dass das Zeltgestänge nicht bricht, dass es nicht mehr als einen Meter schneit, dass der Orkan nicht tagelang anhält.

Und dann dieses. Als wir um neun Uhr morgens in El Chaltén eintreffen, erstrahlt der Himmel azurn. Kein Wölkchen ist zu sehen. Der erste schöne Tag nach 21 schlechten sei das, sagt Alberto del Castillo, ein befreundeter Bergführer, der in El Chaltén lebt (vgl. S. xx). Vielleicht ist das der Beginn des winterlich-stabilen Hochdruckwetters, das wir vorzufinden gehofft hatten. In aller Eile packen wir unsere Sachen zusammen. Kletterausrüstung, Ski, Schlitten, Essen und Benzin für zwölf Tage. Um sechs Uhr abends wird es dunkel. Wir gehen in das kleine Restaurant »La Casita«, das einzige, das im Winter geöffnet ist. Ein letztes dickes Steak.


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3.8.2005 (Redaktion Edwin Haas)

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