»Jatra«. Um vier Uhr morgens endlich: Landung im schwülwarmen Delhi. Indien empfängt uns mit finster blickenden Zollbeamten und einem Reisemotto, das während der kommenden vier Wochen zum geflügelten Wort werden sollte: »Don’t panic«, steht da auf einem Plakat des indischen Tourismusbüros, das einen Kajakfahrer in wildem Weißwasser zeigt. »There is always rebirth.«
Der Verkehr zwischen Delhi und dem Straßenende im Garhwal Himalaya jedenfalls funktioniert nur, weil Lastwagenfahrer, Tuk-Tuk-Driver, Rikscha-Chaffeure, Wasserbüffeltreiber und Schulkinder der Überzeugung zu sein scheinen, ein Unfall führe direkt zur Wiedergeburt. Ist man nicht gerade eine Kuh, die heilig und stoisch auf dem Mittelstreifen steht, dann ist man auf Indiens Straßen ständig gefährdet. Chris Semmel, Matthias Huber und ich sind froh, nach zwei Tagen Fahrt unseren Ausgangsort Ghuttu unversehrt erreicht zu haben.
Nach drei Tagen Anmarsch durch das wilde Bhilangna Valley erreichen wir unser Basislager auf 3720 Meter Höhe. Die Hektik der Ebene weicht der Ruhe des Hochgebirges, unsere Aufgewühltheit ergibt sich in Gelassenheit. Indien ist für uns nur schwer zu verstehen: Eine Gesellschaft, deren Existenz auf religiösen, weltanschaulichen, ethnischen und sozialen Elementen beruht, die für einen Außenstehenden kaum zu dechiffrieren sind. Eine Gesellschaft im Urzustand, in der der Kampf ums tägliche Überleben, der Kampf aller gegen alle, auch die Faszination jahrhundertelang tradierter Riten und Strukturen zu einer Nebensache macht. Eine Gesellschaft, in der Egoismus alles ist, das Individuum aber dennoch nichts zählt. Indien ist aufregend, Indien verstört. Die Reise ins Garhwal Himalaya wird zu unserer ganz persönlichen »Jatra« (Pilgerfahrt): zum Versuch, das Geheimnis Indiens wenigstens ansatzweise zu verstehen.
Unser Ziel sind die Berge rund um den Satling Gletscher, die zuvor erst einmal − von einer englischen Expedition unter Leitung von Martin Moran − besucht worden waren. »Satling« bedeutet »sieben Phalli« und dementsprechend steil sind die Granitspitzen auf der Südseite des Thalay Sagar (6904 m). Nach zwei Erkundungstagen entscheiden wir uns dafür, eine noch nicht bestiegene Felsnadel am nordseitigen Rand des Satling Gletschers anzugehen. Unser ABC (Advanced Basecamp) installieren wir auf 4550 Meter Höhe, etwa 250 Höhenmeter unterhalb des Einstiegs.
Insgesamt drei Tage brauchen wir − unterbrochen von einer mehrtägigen Schlechtwetterphase −, um eine neue Linie in der knapp 250 Meter hohen Südwestwand zu eröffnen. Die harten Fakten der Route »Jatra« (Pilgerfahrt): 12 Seillängen, 8-/1p.a. oder 7/A1, erstbegangen am 1., 6. und 7. Oktober 2004 durch Chris Semmel, Matthias Huber und Tom Dauer. An den Ständen wurde jeweils ein Bohrhaken bzw. Normalhaken hinterlassen, ansonsten ist die Route komplett selbst abzusichern. Für den etwa 5020 Meter hohen Gipfel schlagen wir den Namen »Satling Sui« (»Sui« heißt so viel wie »Nadel«) vor. Nach einem Ruhetag gelingt uns am 9. Oktober 2004 die Erstbegehung des »Zentralcouloirs« (6 Seillängen, 5/M5) in der Westwand der Point Walker (5260 m), die im Jahr 2002 erstbestiegen wurde.
Indien allerdings haben wir auch nach unserer Erstbegehung nicht verstanden.
Wer sich bei einer Expedition ins Garhwal Himalaya logistischer und organisatorischer Hilfe bedienen möchte, dem sei die Trekkingagentur von Ralf Griesbaum empfohlen. Der Ethnologe und Bergsteiger lebt seit sechs Jahren in Indien und kennt sich in dem Gebirgszug zwischen nepalesischer und pakistanischer Grenze bestens aus.
Kontakt:
Natkul Himalaya Tours,
Ralf Griesbaum,
Fliederweg 5,
77960 Seelbach,
Tel. 07823/2991 oder 0160/93076624,
webmaster @ natkul-himalayatours.de
Text und Photos: Tom Dauer
Links:
Peak - über alle Berge
Marmot
3.8.2005 (Redaktion Edwin Haas)