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expeditionsbergsteigen.com - Expeditionsbericht Mount Vinson (4892m) Expedition 2007 von Kobler und Partner
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Expeditionsbericht Mount Vinson, 4892m, 30.11. – 20.12.2007

Dürfte ich, so würde ich das Massiv des Mount Vinson umbenennen in Mount "Wind-Sohn". Was wir in der Zeit vom 30. November bis 20. Dezember 2007 in dieser Gegend erlebt haben, rechtfertigt durchaus eine solche Massnahme. Wir, das sind Mischu (Bergführer), Chris, Jörg und ich (Fabio). Dabei hat alles so gut angefangen.

Kennen gelernt haben wir uns – wie sicher viele der Lesenden bei ihren Reisen – vor der bye bye Bar im Flughafen Zürich-Kloten. Die Anreise führte via Madrid und Santiago de Chile nach Punta Arenas, im südlichsten Teil von Südamerika. Die Zeitdifferenz zur europäischen Winterzeit beträgt vier Stunden und auch während des Aufenthaltes auf dem antarktischen Festland hielten wir uns an diese Zeit. Üblicherweise fliegt jeden Montag eine über dreissig Jahre alte russische Iljuschin von Punta Arenas zur Station Patriot Hills und zurück. Die Wetterkapriolen einerseits und die Beschaffenheit der Landebahn anderseits bringen den Flugplan in der Mehrheit der Wochen durcheinander. Die Landebahn in Patriot Hills ist eine der wenigen Blaueispisten auf der Welt. Sie ist gegen 3 km lang, damit das Flugzeug, welches auf 28 Rädern startet und landet, behutsam aufsetzen kann. Oft verhindern quer zum Anflug wehende Winde (über 28 Knoten) die Landung.

Am Sonntag, 2.12., nehmen wir an einem Briefing der den Überflug organisierenden Gesellschaft ALE (Antarctic Logistics & Expeditions) teil. Nebst uns wollen 49 Personen mitfliegen. Einige lassen sich anschliessend weiter zum Südpol transportieren, andere laufen vom 89. Breitengrad zum Pol und weitere 19 Personen haben das gleiche Ziel wie wir, den Mount "Wind-Sohn". Dieser im Massiv der Ellsworth-Mountains eingebettete Gipfel ist rund 15‘000 km von der Schweiz entfernt und liegt auf 78 Grad südlicher Breite und 85 Grad westlicher Länge. Wir sollen uns stündlich für den Abflug bereithalten, meint ein Sprecher der Gesellschaft, zurzeit herrschten in Patriot Hills aber ungünstige Windverhältnisse. Warten. Am Montag, 3.12., machen wir das, was alle zur Untätigkeit verknurrten Antarktis-Abenteurer machen: Wir besuchen die Pinguin-Kolonie, etwa eine Stunde Fahrzeit ausserhalb von Punta Arenas. Die hier brütenden Magellan-Pinguine lassen sich weder von den Menschen noch vom Sturm beeindrucken. Einige halten sich nahe der tosenden Brandung auf, andere watscheln ins Grüne und wieder andere verkriechen sich in ihre Erdlöcher. Aufregung dann am 4.12. Es sei möglich, dass… , wir sollen uns bereit machen…., der Bus komme um 11 Uhr. Dieser fährt pünktlich vor, chauffiert uns zum Flugplatz. Warten. Um 16.30 Uhr klettern wir über eine Eisenleiter in den Bauch des urtümlichen Flugapparates und eine Stunde später hebt er ab Richtung Süden. Sieben Ukrainer sind als Piloten angestellt. Eine Konversation ist in Anbetracht des Lärms unmöglich. Wir schweigen fünf Stunden lang und schonen unsere Ohren mit Stöpseln. Um 22.30 Uhr geht ein Bubentraum in Erfüllung: Ich stehe auf antarktischem Eis.

Was wurde über die Antarktis, die so gross ist wie Europa und Australien zusammen, nicht schon alles geschrieben! Von Himmel und Hölle zugleich war schon die Rede. Von grösserer Leere als in der Sahara. Vom trockensten Kontinent – trotz Eis von Hunderten von Metern Dicke. Sollte das Eis dieses Kontinentes abschmelzen, würden die Wasserspiegel aller Weltmeere um 60 Meter ansteigen. Millionen von Menschen müssten sich eine neue Bleibe suchen. Flüchtlingsströme überall.

Wir stellen bei angenehmen -10 Grad Celsius die Zelte auf, es ist windstill. Die Sonne scheint, sie wird in den nächsten Tagen nicht mehr untergehen, höchstens hinter den Bergen durchziehen. Im Schatten wird es dann noch gut 10 bis 15 Grad kälter sein. Vor Touren im Schatten wird gewarnt. Im Aufenthaltszelt erhalten wir die letzte warme Mahlzeit, ab jetzt werden wir selber kochen. Am nächsten Tag (5.12.) steht ein neues Abenteuer bevor. Wir besteigen eine Twin Otter und nach knapp einer Stunde Flug setzt der Pilot zur Landung am Vinson Base Camp an. Dieses liegt auf rund 2100m. Hier erhalten wir unseren Camp-Platz zugewiesen, die Schlitten für den Gepäcktransport sowie den Brennstoff für die Kocher. Die Temperaturen sind bereits etwas frostiger, aussen -20 Grad Celsius, im Zelt -2 Grad.

Am 6.12. kommen wir uns vor wie St. Nikolaus. Während 6 Stunden ziehen wir den schweren Schlitten zum Lager 1. Auf den Pulkas befinden sich aber keine Geschenke sondern unsere Zelte und die Ausrüstung. Lager 1 liegt auf rund 2750m. Die Temperaturen sind angenehm. Wir stellen 2 Zelte, kochen, plaudern und besprechen den morgigen Tag. Nach zwei schweren Unglücken in der Spaltenzone im letzten Jahr wird die bisherige Aufstiegsroute gemieden. Auf einer neuen, mit Fixseilen gesicherten Route wollen wir zu Lager 2 aufsteigen, ein Zelt stellen sowie Esswaren und weitere Utensilien dort deponieren. Lager 1 befindet sich bis 11.30 Uhr im Schatten. Die Temperaturen sind dementsprechend, aussen -26, im Zelt -8 Grad Celsius. Mit Steigeisen an den Expeditionsschuhen starten wir am 7.12. um 12.45 Uhr. Bereits nach einer guten halben Stunde erreichen wir die Fixseile, die über eine rund 45 Grad steile, 700 Meter hohe Flanke hinauf führen. Im obersten Teil des Aufstieges haben wir ebenfalls eine Spaltenzone zu queren und nach einem kleinen Abstieg sind wir im Lager 2 (3715m). Wir profitieren von einer Iglumauer, welche eine Gruppe vor einigen Tagen errichtet hat. Wir verankern das Zelt in deren Windschatten, verstauen die Fressalien und nehmen nach getaner Arbeit um 19 Uhr den Abstieg in Angriff. 2 Stunden später summen bereits die Kocher im Lager 1.

8.12. Wir steigen mit einem weiteren Zelt und dem restlichen Material auf zu Lager 2, in der Hoffnung, am kommenden Tag den Gipfel besteigen zu können. Kurz vor 18 Uhr sind wir oben. Dunst schiebt sich vor die Sonne, der Wind beginnt zu blasen, das gefürchtete Whiteout stellt sich ein. Alle Konturen sind verwischt. Wo der Schnee aufhört und die Wolken beginnen, lässt sich nur erahnen. "Wind-Sohn" schickt die ersten Grüsse. Der Wind erhebt sich zum Sturm, im Gegenzug wird es erheblich wärmer (aussen -10, im Zelt 0 Grad Celsius). Den ganzen 9.12. verbringen wir im Zelt und bangen um unsere dünnwandige Behausung. Unterbrochen wird die Wartephase nur durch Kochen, Essen, Befreiung des Zeltes von den eingeblasenen Schneemassen und dem Gang zur Toilette. Eine im Sturm kaum erkennbare Flagge kennzeichnet den Ort wo gepinkelt werden darf. Das andere Geschäft ist in einen Plastiksack zu erledigen und im gefrorenen Zustand zum Base Camp zu transportieren. Es wird nach Chile ausgeflogen.

Am Abend des 10.12. wird es merklich kälter, die Warmfront verabschiedet sich. Auch lässt der Wind nach. Der Gipfel des benachbarten Mount Shinn ist klar zu erkennen. Nach 50 Stunden im Zelt wird es hektisch. Wir wollen das Fenster guten Wetters nützen. Das Bereitmachen im kleinen Zweierzelt verlangt so manche Verrenkung. Daunenanzüge, Schuhe, Handschuhe, Skibrille, alles will geordnet sein. Draussen dann noch das Montieren der Steigeisen. Die ersten Schweissausbrüche sind schon vor dem Abmarsch garantiert. Und Wärme bedeutet auch Feuchte, und Feuchte bedeutet Anlaufen der Skibrille, und eine angelaufene Skibrille bedeutet null Sicht. Alle einstudierten Abläufe sind im Eimer. Gefluche. Dazu will die Gesichtsmaske nicht sitzen. Aufregung pur. Es ist 22.15 Uhr als wir starten. Und das erst noch im Schatten, vor Touren im Schatten wurde ja gewarnt. Auf minus 42 Grad ist die Temperatur gesunken. Wir gehen unangeseilt, trotz Sturm ist die Spur unserer Vorgänger zu erkennen. Welch erhebendes Gefühl, dem höchsten Gipfel der Antarktis zuzustreben. Das Gelände ist nicht schwierig. Die zunehmende Höhe und das Gefrieren der Atemluft in der Gesichtsmaske verunmöglichen das Aufsteigen in einem Rhythmus. Gegen 4 Uhr erreichen wir den Gipfelgrat, wir stehen in der Sonne und lassen die Kälte hinter uns. Punkt 5 Uhr gehören wir zu den glücklichen Bergsteigern des heutigen Tages, die irgendwo auf dem Erdenrund auf einem Gipfel stehen. Eine ganze Stunde lang geniessen wir den Triumph und die einmalige Aussicht. Fotos für das Album und die Sponsoren. Die Verpflegung darf nicht fehlen. Mit etwas Wehmut nehmen wir Abschied vom Gipfel, den wir kaum mehr betreten werden. Über die fast unendliche Eisfläche weit unter uns hat sich ein Wolkendeckel gelegt. Erste, vom Wind getriebene Schneefahnen kündigen einen Wetterwechsel an. Kurz vor acht Uhr treffen wir im Lager 2 ein. Aufwärmen, Kochen, Schlafen, Abstieg zu Camp 1 um 15.00 Uhr sind die nächsten Fixpunkte für den noch jungen Tag. Nur haben wir die Rechnung ohne den "Wind-Sohn" gemacht. Nach genau 10 Stunden schliesst sich das Fenster, erneut kommt Sturm auf, erneut sitzen wir im Whiteout. Statt Abstieg kriechen wir in die Zelte und verbarrikadieren uns. Die Zeltplanen werden bis aufs Äusserste strapaziert, die Iglumauer schützt uns vor dem Schlimmsten. Der ungewollte Aufenthalt in der engen Behausung dauert dieses Mal 60 Stunden. 60 Stunden des Nichtstuns, des Bangens, des Wartens. Unter uns ab und zu das Knacken des Gletschers. Wie wenn er uns sagen wollte, dass er sich auf seiner langen Reise zum Meer durch den Sturm ebenfalls gestört fühlt. Die Diskussionen mit Chris und Jörg im Nebenzelt erlahmen, der Orkan trägt die Wortfetzen in die Weite.



Dann, am Nachmittag des 13.12., ein geringfügiges Nachlassen des Windes, ein winziges Erkennen von Konturen auf dem Gletscher. Im selben Tempo wie der unsichtbare Wicht bläst, demontieren wir die Zelte, beladen wir unsere Säcke, seilen wir uns an und treten wir den Rückmarsch um 17.15 Uhr an. Bei den Fixseilen faucht uns der Wind über die Flanke hinunter. Der schwere Sack drückt, die angelaufene Brille verhindert das klare Sehen. Während wir anlässlich des ersten Abstieges lediglich zwei Stunden für die Strecke zwischen Lager 2 und Lager 1 benötigten, sind wir nun doppelt so lange unterwegs. Des Ungemachs nicht genug. Das im Camp 1 zurückgelassene Zelt steht nicht mehr, vielmehr, es stehen nur noch verdrehte Zeltstangen und daran hängen als Staffage einige zerrissene Zeltplanen. "Wind-Sohn" hantiert erneut an den Düsen. Der Wind erreicht wieder Orkan-Stärke. Statt hier zu übernachten müssen wir weiter bis zum Base-Camp. Wir beladen die Schlitten und kämpfen uns durch die Naturgewalten. Als wären wir in einer Waschmaschine – aber nicht im Schongang – werden wir behandelt. Die Böen überfallen uns von allen Seiten. Ab und zu heben wir mitsamt dem Schlitten richtiggehend ab, um einige Meter nebenan auf dem Hintern zu landen. Welche Tortur. Auf rund 2600m knickt der Branscomb-Glacier um 90 Grad. "Wind-Sohn" hat Erbarmen und stellt die Lüfte fast gänzlich ab. Um 4 Uhr des 14.12. erreichen wir das Vinson Base Camp. Hier erhalten wir von der Camp-Crew eine warme Mahlzeit und viel Flüssigkeit.

Wir vernehmen, in Patriot Hills habe es – entgegen aller Üblichkeiten – mehr als 50cm Neuschnee gegeben. Die Iljuschin könne nicht fliegen. Ebenso wenig seien die Twin Otter unterwegs. Vier Zeltnächte verbringen wir im Base-Camp. Zwischen drei und fünf Uhr morgens ist es am Kältesten. Mein Thermometer zeigt im Schlafsack +25 Grad, im Zelt -16 Grad und ausserhalb des Zeltes -36 Grad.


Am 17.12. ertönt ein lange nicht mehr vernommenes Geräusch. Die Twin Otter holt uns ab. Ich wage zu behaupten, alle haben auf diesen Moment gewartet. Der Pilot hebt ab. Seitlich hinter uns entschwindet er, der Mount "Wind-Sohn", dem ich angesichts des ruhigen Wetters gerne wieder seinen eigentlichen Namen Vinson zurückgebe.

Es folgt eine Nacht in Patriot Hills, dann schwebt die Iljuschin ein, die "Nabelschnur" zur warmen Welt. Fünf Stunden später stehen wir im Regen von Punta Arenas, wieder zwölf Stunden später erleben wir den Hochsommer von Santiago de Chile und wieder 18 Stunden später befinden wir uns unter der winterlichen Hochnebeldecke von Zürich-Kloten.

Bericht: Fabio

Weitere Infos:

Jens Röcken,
Kobler & Partner GmbH,
Tannenweg 18,
CH-3012 Bern,
Schweiz
Fon: 0041 (0)31 381 23 33,
Fax. 0041 (0)31 381 23 34
E-Mail: jens@kobler-partner.ch,
www.kobler-partner.ch

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