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Marokko mehr als nur ein Märchen aus 1001 Nacht
Kann ein Land heutzutage eigentlich noch große Geheimnisse bergen? Oft beschleicht einen ja das Gefühl, jeder war schon überall. Aber wahrscheinlich liegt Marokko einfach zu nahe an Europa. Der Reiz der ganz großen Ferne entfällt und die Märchen aus 1001 Nacht tragen fast penetrant ein immer gleiches Bild in die Welt, das allzu gerne ohne Überprüfung übernommen wird. Die romantisch verklärte Vorstellung vom Leben und Treiben in einem fernen Land ist bestimmt nicht verwerflich, keine Frage. Aber Marokko hat einfach mehr zu bieten.
Dieser Tatsache war sich auch von uns niemand bewusst. Drei Mitglieder des SALEWA alpineXtrem-Teams suchen sich eine imposante Kulisse für ein gemeinsames Trekkingprojekt, das anspruchsvoll sein soll, und neben dem Allgäuer Matthias Robl, einem 8000er Expeditionsbergsteiger, auch den Südtiroler und Boulder-Spezialisten Martin Moser sowie die französische Sportkletter-Europameisterin Chloé Minoret begeistern soll. Kein einfaches Unterfangen, aber zur Verwunderung aller scheint Marokko auf der Landkarte schnell geeignet. Die Spitze des Toubkals, des immerhin höchsten Bergs Nordafrikas, liegt auf 4.126 Metern. Eine reizvolle Höhe, die wirklich nicht jeder in diesem Landstrich vermuten würde. Und nicht weit entfernt liegt Marrakesch. Sofort ist klar, dass diese Stadt der Ausgangspunkt der Reise sein soll, will doch jeder zunächst den Atem traditioneller arabischer Kultur in sich aufsaugen.
Doch schon lange vor den Mauern der Stadt, in der die marokkanische Königsfamilie residiert, wird klar, dass Marrakesch ein fast unvorstellbarer Spagat gelingt. Ein Spagat, der weder zu schmerzen scheint, noch aufgezwungen wirkt und Tradition und Moderne ganz unkompliziert und unaufdringlich verbindet. Das lebendige Straßenbild ist geprägt vom Nebeneinander verschleierter Frauen und Eselskarren einerseits und Jeans tragender Jugendlicher sowie bunter Leuchtreklame für amerikanische Softgetränkehersteller andererseits. Und eine der größten Überraschungen ist sicherlich, dass unser Hotel von einer jungen verschleierten Marokkanerin geführt wird, die ihre Gäste selbstbewusst und in perfektem Englisch begrüßt.
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| Auf dem Gipfel |
Doch die modernen Einflüsse stören nicht auch nicht unser romantisches Bild, denn gerade der sinnlich betörende Markt mit seinen engen Gassen, bunten Tüchern und uns unbekannten Gewürzen bietet genug Stoff für arabische Träume. Das sind sie eben, die zwei Gesichter des Landes. Und beide begrüßen uns offen und freundlich.
Wie ein ferner Gruß liegt von Beginn an auch das Atlasmassiv in Sichtweite der Stadt. Marrakesch ist bei gutem Wetter das Tor zum Gebirge, das fast zum Greifen nahe scheint und breiten Raum für Spekulationen darüber lässt, welche Spitze nun die des Toubkals ist. Nach zwei Tagen wird das Geheimnis gelüftet. Die Fahrt beginnt. Um den Transport muss man sich in Marokko übrigens nie Sorgen machen. Man braucht sein Ziel anscheinend nur leise in die Gassen vor dem Hotel zu rufen und ein Jeep steht bereit, der einen verlässlich an den gewünschten Ort bringt.
Das Massiv rückt schnell näher und gleichzeitig kommen wir in eine Region, die den Glanz der nahen Stadt sicherlich noch spürt, aber auch einen leisen Einblick in das Leben außerhalb der Ballungszentren gewährt. Die Orte mit Häusern aus Erde und Lehm ducken sich in die Landschaft und verschmelzen farblich völlig mit ihrem Umfeld. Oft müssen wir uns gegenseitig auf die Orte aufmerksam machen, und nicht selten bringt erst ein Fingerzeig Klarheit über die genaue Position der jeweiligen Siedlung.
In Asui, einem doch recht modernen Ort direkt an der Straße, machen wir auf zirka halber Strecke Halt. Die Marktbuden locken uns aus dem Jeep. Hier ist ein idealer Ort, um Proviant für die bevorstehende Tour zu kaufen, auch wenn die halben Schweinehälften uns etwas abschrecken, die ungekühlt in Reih und Glied hängen. Nicht lange dauert es, bis Martin merkt, dass es ein Fehler war, sich mit einem fliegenden Händler auf das Feilschen um einen Armreif einzulassen ohne ihn wirklich kaufen zu wollen. Da hilft nur noch, schnell das Auto zu starten und den Ort mit Sack und Pack zu verlassen.
Nach insgesamt einer Stunde kommen wir dann nach Around, dem Ort am Fuße des Toubkals auf 1.920 Metern. Und auch hier müssen wir nicht lange auf unsere nächsten Transportmittel warten. Genügsame Mulis stehen mit ihren Führen bereit und lassen sich die Satteltaschen mit unserer Ausrüstung beladen. Es ist heiß und schon auf den ersten Metern sind wir dankbar, nur noch einen kleinen Rucksack auf dem Rücken zu haben. Wir können unseren Augen kaum trauen, als wir die Gruppe sehen, die nach uns startet. Haben wir schon ein schlechtes Gewissen, dass die Mulis unser Gepäck tragen müssen, so sitzen diese Marokkaner auf ihnen und lassen sich nach oben tragen. Und die Gruppe bleibt nicht die einzige in dieser Konstellation. Schnell wird uns klar, dass es in Marokko wohl Volkssport der Reichen und wohl Genährten ist, sich am Sonntag auf Mulis in die Berge tragen zu lassen.
Lesen Sie im Teil 2 weiter...
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