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Khumbu-Express - Die absolute Leere


Ueli Steck gelingen Solos an Cholatse und Tawoche

Von Christine Kopp

Ueli Steck Khumbu Express Solo
Ueli Steck Khumbu Express Solo
Ueli Steck Khumbu Express Solo
Ueli Steck Khumbu Express Solo
Bildergalerie Khumbu Ueli Steck


Hört man Ueli Steck zu, wenn er von seinen Unternehmungen in den Bergen erzählt, braucht man etwas Fantasie und Wissen über das Niveau der heutigen Elite. Sonst könnte man den falschen Eindruck erhalten, der Berner berichte über einen Sonntagsspaziergang, der sich zwar in der Vertikalen abspielte, dessen Schwierigkeiten aber nicht weiter erwähnenswert seien. Nun hat er noch eins draufgesetzt: und zwar mit seinem "Khumbu-Express" im Everest-Gebiet, bei dem ihm die ersten Solodurchsteigungen der Nordwand des Cholatse (6440 m) sowie der Ostwand des Tawoche (6505 m) gelangen - zudem waren es bei beiden Bergen die ersten Besteigungen im Alleingang überhaupt.

Die kleine Nachtmusik

An der Ama Dablam (6814 m), wo er als dritte Tour die 1700 Meter hohe Nordostwand anhängen wollte, kehrte Ueli Steck auf 5900 m wegen der durch die ständigen Schneefälle äusserst gefährlichen Verhältnisse um. Und am Tawoche erkannte er bei einem ersten Versuch mitten durch die felsige Ostwand, dass die Begehung dieses Bollwerks ein wahres Kamikaze-Unternehmen wäre und wich deshalb ins Eis im linken Teil der Wand aus. Hier fand er eine durchgehende, schöne und für ihn nicht besonders schwere Linie, die er innerhalb von viereinhalb Stunden in der Nacht des 24./25. April 2005 durchstieg, um dann auf dem gleichen Weg wieder abzusteigen - und pünklich zum Morgenessen um 8 Uhr zurück im Basislager zu sein … Und dies nach 1500 Meter Auf- und Abstieg in 50 bis 60 Grad steilem Eis und ein paar senkrechten Seillängen zum Dessert (Bewertung M5)! Vor ihm war sieben Jahre lang kein Mensch mehr auf dem Gipfel dieses wunderschönen Bergs gestanden.

Herausragend dann das erste Solo, das ihm im Rahmen seiner Kleinexpedition - das Anliegen von Ueli Steck ist es auch, dem Trend des kommerziellen Expeditionsstils mit Fixseilen, Sauerstoff und anderen Hilfsmitteln etwas entgegenzusetzen - gelang: Die Durchsteigung der rund 1500 Meter hohen Cholatse-Nordwand. Eine Wand, die von den Schwierigkeiten (senkrechtes Eis, im Fels 5. Grad, M6) ungefähr mit der Eiger-Nordwand vergleichbar ist, die aber ein um Dimensionen grösseres Engagement verlangt: Passiert der kleinste Unfall, ist der Alleingänger in dieser Himalaja-Wand verloren; niemand wird kommen, um ihn zu retten oder ihm zu helfen - für eine Rettungsaktion ist das Gelände viel zu anspruchsvoll: "Du bist extrem exponiert; die kleinste Unachtsamkeit wäre tödlich."

Um 3 Uhr morgens des 14. Aprils verliess Ueli seinen warmen Schlafsack im Basislager und stieg zu seinem Materialdepot zum Wandfuss auf. Kaum hätte er mit dem Klettern begonnen, erzählt er, sei er eine Art meditativen Zustand gekommen. Ein Zustand, in dem ausschliesslich das Klettern zählt: "Konzentriert auf das Klettern in der absoluten Gegenwart, verdränge ich alle Gedanken darüber, was noch kommen könnte." Der Alltag, seine Freundin, die ihn bis ins Basislager begleitet hatte - alles weit weg.


"Klar", meint Ueli Steck, "sobald ich in der Wand bin, bin ich ein totaler Egoist. Aber danach habe ich umso mehr Spass, mit meiner Freundin etwas zu unternehmen - ich könnte das vielleicht aber nicht, wenn ich meine ganz extreme, leistungsorientierte Seite nicht ausleben könnte." Man stelle sich die ständige Angst vor, dem geliebten Menschen könnte bei seinen Alleingängen etwas zustossen. Nicht erstaunlich, dass der Partner (beziehungsweise die Partnerin …) nach einer solchen Tour so fix und fertig ist wie der Bergsteiger selbst - zumindest psychisch.

Der starke Kopf

Die Psyche. Das Zauberwort bei solchen Unternehmungen: Ohne die Fähigkeit, sich bis in die letzte Faser des eigenen Körpers und Geists auf das Klettern, den nächsten Schritt zu fokussieren, sind solche Alleingänge von vornherein unmöglich. "Ich hatte schon immer einen starken Kopf", sagt Ueli Steck dazu lakonisch, und so hatte er es nie nötig, sich mit Büchern und Theorien über mentale Techniken auseinanderzusetzen … Sie waren ihm sozusagen gegeben. "Wenn du dich voll auf etwas konzentrieren kannst, dann bleibst du auch objektiv. Die Angst kommt auf, wenn du nicht mehr objektiv ist. Ich wusste, dass ich den Schwierigkeiten der Wand des Cholatse, objektiv gesehen, vollauf gewachsen war. Dieses Wissen musste ich dann während der Tour umsetzen."

Und wann kommt die Angst auf? Im Biwak. Auf ca. 6000 Meter richtete sich Ueli Steck in einer kleinen Schneehöhle ein - nach Hunderten von Metern in heiklem und steilen Gelände, in dem er sich oft auch mit dem mitgenommenen Seil sicherte - Seillängen, die er als psychisch weniger belastend empfand, da er sich eben sichern konnte. Das Schlimme seien die Stellen, wo man einfach da stehe, in flacherem, aber oft sehr ausgesetztem Gelände, und nicht sichern könne. Und dann das Biwak: "Dort wird es hart, du beginnst zu überlegen. Das sind die schweren Stunden. Die Ausgesetztheit lässt meine Gedanken nicht zur Ruhe kommen. Die Stimmung ist bedrückend. Du musst versuchen, wieder voll auf rationales, objektives Denken umzuschalten."

Nach dem Biwak erwarteten Ueli weitere 450 Höhenmeter, die sich von der übelsten Seite zeigen sollten - 85 Grad steiles Gelände mit schlecht verfestigtem Schnee, in dem seine Eisgeräte kaum Halt fanden. Dann endlich der ersehnte Gipfelgrat. Nur noch 250, 300 Höhenmeter zum Gipfel. Aber was für welche … Ein Aufschwung nach dem anderen, messerscharfe Gratabschnitte, die rittlings zu überwinden waren, und dann plötzlich, nur noch etwa 50 Meter vor dem Gipfel, eine Spalte, die den Grat durchschnitt. Hätte er genügend Material gesagt, gibt Ueli Steck zu, wäre er umgekehrt und hätte über die Wand abgeseilt. Diese Stelle verlangte ihm, nachdem er sich an diesem Tag immer wieder von Neuem zusammenreissen musste und immer wieder auf die nächste kleine "Etappe" einstellen musste, noch einmal alles ab: Beidseits der Spalte, also des Grates, 1500 Meter Abgrund. Drei Meter in der Südwand runter, dann in die Spalte hinein, in ihr hochspreizen, auch mit dem zweiten Fuss auf die andere Spaltenwand wechseln und dann - das Schwierigste. Der Schritt hinaus, bei dem er zuerst mit seinen Eisgeräten Halt im zuckrigen Schnee oberhalb der Spalte finden musste. In der Hoffnung, dass sie sich beim Ausstieg nicht lösen würden und er nicht einfach nach hinten kippen würde.

Die Diät nach Dr. Steck

Nach diesem erlösenden Schritt war Ueli Steck erst einmal ausser Atem (in der Höhe muss man die Kletterei überhaupt besser einteilen, um in einer schweren Seillänge nicht völlig ausser Atem zu kommen), dann, zehn Minuten später, auf dem Gipfel. Beim Abstieg über den Südgrat brauchte er sein letztes Material auf, bis er auf das flache Gletscherplateau gelangte, wo er vor seiner Rückkehr ins Basislager zum zweiten Mal biwakierte. Menü: warmes Wasser. Zu essen hatte er nichts mehr dabei. Die mitgenommenen vier Powerbars und die Portion Spaghetti - O-Ton Ueli: "ein netter Diätplan!" - hatte er aufgegessen …

Die Schnelligkeit ist bei einer solchen Unternehmung, und damit das Gewicht, der wichtigste Punkt: Deshalb muss das Material auf das Allernötigste reduziert werden. Jedes Gramm zählt. Kann ein Elitebergsteiger mit einem sechs Kilo schweren Rucksack (wie ihn Ueli dabei hatte) noch senkrechte Stellen überwinden und im etwas weniger steilen Gelände schnell und ungesichert unterwegs sein, geht das mit einem zehn Kilo schweren Rucksack nicht mehr. Andererseits ist die Zufuhr von Kalorien bei solchen sportlichen Leistungen überlebenswichtig - ein dritter Tag, so Ueli Steck, wäre er ohne Essen nicht mehr vorangekommen. Nach dem ersten "scheusslichen" Schokoladeriegel, den er nach seinem Abstieg von einem Trekker erhielt, dann endlich im Basislager der erste richtige Kaffee aus der Espressomaschine, die Ueli überall in der ganzen Welt begleitet …

Und danach - nach der totalen Leere in der Wand - die absolute Leere in seinem Innern. Das Loch, mit dem Ueli Steck nicht gerechnet hatte. Eine Woche lang, erzählt er, sei er völlig ausgepumpt gewesen. Ein emotionales Vakuum, wie er es noch nie erlebt hatte - seine Gedanken kreisten um all die Möglichkeiten, auf welche Art seine Tour hätte schief gehen können. Am liebsten hätte er sein Bündel zusammengepackt und wäre heimgereist. Erst später dann die Zufriedenheit: darüber, etwas Extremes ganz allein und ohne Unterstützung von jemand anderem geschafft zu haben. Eine Genugtuung, wie Ueli ehrlich zugibt, für sein Selbstwertgefühl, eine Selbstbestätigung der extremsten Art. Wobei er aber gleich anfügt, dass solche Alleingänge nur sparsam gemacht werden dürften; würden sie zur Gewohnheit, würde man schnell den Punkt der totalen Konzentration überschreiten und einen Fehler machen. Und ein Fehler wäre fast zwangsläufig fatal.

Die Espressomaschine ist dabei

Warum, so fragt sich ein Aussenstehender immer wieder, manchmal wütend, manchmal verwirrt, müssen Extreme ständig wieder Erfahrungen an der scharfen Grenzlinie zwischen Leben und Tod machen? Was ist es, was einen Extrembergsteiger dazu bringt, sein ganzes Leben immer wieder einer einzigen Tour unterzuordnen und sich selbst einem so grossen Risiko zu exponieren? Die Antwort ist einfach und doch für viele schwer nachzuvollziehen: Der Alltag reicht diesen wilden Menschen nicht aus. Erst im Bewusstsein der Brüchigkeit des Lebens empfinden sie dieses Gefühl unübertreffbaren Lebendigseins, das sie immer wieder suchen. Eine Wachheit begleitet sie bei diesen Schritten, die das Lebensgefühl ungeahnt intensiv werden und einen Absturz in die innere Leere nach der Tour nur logisch erscheinen lässt. "Intensives Erleben der Gegenwart in ihrer absolutesten Form", nennt Ueli Steck das Gefühl. Und schliesst nicht aus, seine Fähigkeiten, die er seiner Meinung nur noch mental, nicht körperlich steigern könnte, in Zukunft an einem noch höheren Berg auszuloten. Aber Ueli wäre nicht Ueli, wenn er nicht zuerst - bewusst und mit der sprichwörtlichen Bedächtigkeit des Berners - zur Ruhe kommen würde. Espressomaschine und Energieriegel leisten ihm auch hier beste Dienste, um mit der gleichen Wachheit durch den Alltag zu gehen, mit der er grösste Wände durchsteigt.



Solo. Der Alleingänger Ueli Steck - Eine Nahaufnahme von Gabriella Baumann-von Arx

Preis CHF 32.00

Versandkosten CHF 8.00

Gesamt CHF 40.00

Lieferbar am 1. Mai 2006

Quelle: www.uelisteck.ch

Kontakt / Informationen:

Ueli Steck

Hauptstrasse 14

CH-3806 Bönigen

Telefon +41 (0)79 291 31 25

E-mail info @ uelisteck . ch


16.01.2006 (Redaktion Edwin Haas)

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