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Ueli Steck Annapurna-Expedition im April und Mai 2007

Über 8000 Meter - ohne Flaschensauerstoff und im Alleingang



Annapurna Tagebuch

» Uelis Tagebuch der Annapurna-Expedition


Abbruch der Expedition

Am 21. Mai 2007 bin ich in die Südwand eingestiegen. Bei diesem ersten Versuch wurde ich von einem Stein am Kopf getroffen und musste die Begehung darauf abbrechen. Trotz Gehirnerschütterung und Prellungen, schaffte ich es aus eigener Kraft ins Basislager zurück. » Zum Tagebuch



Der Annapurna Gipfel war der erste Berg, von insgesamt 14 über 8000 Meter, der überhaupt von Menschen bestiegen wurde. Die Geschichte von Maurice Herzog und seinen Gefährten von 1950 ist einzigartig und Legendär. Sie stiegen auf der Nordseite über unendlich weite Schneehänge auf den Gipfel. Diese Route bildet den einfachsten Aufstieg auf die Annapurna.

Das Bollwerk der Annapurna Südwand ist mit 3000 Meter eine der steilsten und höchsten Wände an einem Berg über 8000 Meter.

Erstmals wurde die Südwand von einer englischen Grossexpedition, unter der Leitung von Chris Bonington, im Jahr 1970 erstbestiegen. Das Team aus 12 Bergsteiger benutzte damals Flaschensauerstoff und 2500 Meter Fixseil. Die Steilheit und Ausgesetztheit dieser Wand ist eines der großen Abenteuer. Die direkte Route auf den Hauptgipfel wurde 1992 von den beiden Franzosen Pierre Béghin und Jean-Christophe Lafaille versucht. Auf 7500 Meter überraschte die beiden schlechtes Wetter und Sie mussten umkehren.



Annapurna Tagebuch

Oktober 2006 – Mai 2007

10. Oktober 2006

Es ist jetzt 8 Tage her, seit ich am 2. Oktober zum ersten Mal die imposante Südwand der Annapurna gesehen habe. Eine Wand, 3000 Meter hoch, bestehend nur aus Fels und Eis. Sie sieht genau so aus, wie ich sie mir vorgestellt habe. Es ist das perfekte Solo-Gelände. Trotzdem muss ich mich akribisch auf die Expedition Vorbereiten, um nur den Hauch einer Chance zu haben. Die Fakten sprechen für sich: 3000 Meter aus Fels und Eis, eine kurze Schönwetterperiode und Geschwindigkeit. Ausgedrückt in einer mathematischen Formel sieht das so aus: Geschwindigkeit = Ausdauer + richtige Technik + wenig Gewicht

Ich bin zuversichtlich und motiviert. Die Linie, die ich wählen werde, sieht geschützt aus und objektiv sicher. Keine Wechten, keine Seracs und keine Eispilze. Die Wand ist voll nach Süden ausgerichtet, d.h. von 6 Uhr in der Früh bis zum Eindunkeln ununterbrochene Sonneneinstrahlung – natürlich nur bei schönem Wetter.

Der Vorteil: es ist warm.

Der Nachteil: Lawinen, Steinschlag und grosse Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht.

14. Dezember 2006

Ich stecke mitten in den Vorbereitungen. Das Training geht gut voran. Ich fühle mich auf jeden Fall fitter als jemals zuvor in meinem Leben!

Mein Tagesablauf sieht – zusammengefasst - so aus: Jogging- Langlauf- Klettern.

21. Februar 2007 - Eiger Speed Begehung

Obwohl ich hart und konsequent trainiert habe, ist man sich nie ganz sicher, ob das Training auch wirklich effizient war. Mit der heutigen Speed Begehung der Eigernordwand in 3.h 54 min. habe ich die für mich perfekte Trainingsbestätigung. Die Idee spukt bereits seit 2 Jahren in meinem Kopf herum. Jetzt ist das Projekt geglückt! …und 2 Tage vorher die gleiche Tour mit Nicole. Das ist ein sensationelles Erlebnis. Dieser Geschwindigkeitsrekord ist sehr wichtig für meine mentale Vorbereitung. Ich weiss jetzt, dass ich Annapurna schaffen kann! Zudem ist er für mich persönlich eine der wichtigsten Erfolge in meiner Bergsteiger-Laufbahn.

Eiger Nordwand Schwieriger Riss


21. März 2007

Endlich wieder im Himalaya. Die Expedition ist ziemlich mühsam angelaufen. Zuerst mussten wir 4 Stunden länger als geplant in Muscat ausharren, danach ist unser Gepäck nicht in Kathmandu angekommen. Mit einem Tag Verspätung sind wir nun endlich im Khumbu Valley. Wir sitzen in Phakding und es regnet…Ich nehme es gelassen: es kann nur besser werden!

23. März 2007

Dohle, 4078 Meter. Wir befinden uns bereits im Gokio Tal. Es ist nicht mehr weit bis zum Cholatse und ich freue mich auf die Begegnung mit diesem Berg. Zwei Jahre sind bereits wieder vergangen, seit ich auf diesem Gipfel stand. Das war ein grosser Schritt damals…

Ich fühle wie meine Motivation, meine Kraft und mein Kopf langsam in diese wunderbare Bergwelt eintauchen. Ich habe Zeit bis zum 25. April, um mich bestmöglich zu akklimatisieren. Hier stehen überall wunderschöne Berge mit steil abfallenden Wänden! Einziges kleines Problem: die Bewilligungen…

26. März 2007

Endlich im Basecamp. Gestern mussten wir einen Ruhetag in Na einschalten. Der grosse Bergsteiger war akut bergkrank. Heute geht es mir wieder gut. Der Platz hier ist gigantisch. Dieses Hochplateau am Fusse des 6440 Meter hohen Cholatse ist einfach traumhaft. Dies alles mit Nicole zu erleben, ist etwas vom wunderbarsten auf dieser Welt. Wir sitzen gemütlich im Zelt und schlürfen Milktea. Zum Mittagessen gab es „Gschwellti“ mit Bergkäse und Contadino. Am Schluss gönne ich mir ein richtiges „Café“.

30. März 2008

Es ist 2 Uhr 30. Es heisst frühstücken. Langsam steigen wir in Richtung Gletscher. Schon bald weiss ich, wieso die Amerikaner den Gletscher „Little Khumbu Icefall“ nennen. Die Linie auf dem GPS erstreckt sich in einem endlos langen Zick Zack. Um 10 Uhr erreichen wir den Sattel auf 5600 Meter. Ein perfekter Platz für ein Camp. Die Sonne ist sehr stark. Wir müssen noch die nächsten 200 Meter Fels erkunden. Es ist nicht offensichtlich wo es durchgeht und ich verbringe die nächsten 3 Stunden in der grellen Sonne, um das Felsdreieck zu klettern.

1. April 2007

Die Nacht war eine einzige Katastrophe. Trotzdem: nach dem üblichen Wasserkochen zum Frühstück gehen wir weiter. Um 4 Uhr klettern wir los. 6 Uhr 30: wir erreichen das obere Ende des Felsdreiecks. Das Gelände ist sehr technisch und Nicole ist sehr beeindruckt. Die Müdigkeit macht sich bemerkbar. Wir beschliessen, umzukehren. Der Aufstieg und vor allem der anspruchvolle Abstieg bewegen uns dazu.

2. April 2007

Zurück im BC. Wir schalten einen Ruhetag ein. Zu meinem Erstaunen fragt mich Nicole, ob wir nicht einen zweiten Versuch wagen sollen. Ich finde es eine super Idee. Ich habe bei Nicole noch nie einen solchen Willen gesehen. Genial! Ich finde es sensationell, denn ich bin immer der Meinung, dass man nicht gleich sofort aufgeben sollte. Das Wetter bleibt stabil, allerdings windet es etwas heftiger.


4. April 2007

4 Uhr: Tea time im Schlafsack. Etwas widerwillig verlassen wir das komfortable Basislager. Noch ein wunderschöner Tag im Himalaya bricht an. Die Spuren vom letzten Mal helfen mir, mich auf dem Gletscher zu orientieren. 10 Uhr 30: wir erreichen erneut den Sattel. Nach einer kleinen Rast gehen wir weiter. Diesmal geht es ganz zügig voran über den Felspfeiler. Die Traverse überqueren wir besser als erwartet. Ich bin froh, denn so sind meine Bedenken beim Abstieg unnötig. Danach geht’s im Alaska Style mässig weiter. Der Grat ist fantastisch zum klettern. Immer wieder steile Eisaufschwünge. Auf 6157 Meter finden wir einen idealen und windgeschützten Platz zum biwakieren. Es ist 17 Uhr.


Cholatse 6440 m



5. April 2007

Meine Suunto reisst mich aus dem Schlaf. 3 Uhr! Ich muss mich überwinden, um aufzustehen. Ich starte den Kocher und verkrieche mich sofort wieder und geniesse die Wärme des Schlafsacks. Das Wasser kocht viel zu früh. Jetzt müssen wir endgültig raus aus den Federn. Zum Tee essen wir Birnenbrot. Um ca. 4 Uhr steigen wir los. Die Zehen sind eingefroren und wir haben Mühe, unsere Eisgeräte fest in den Händen zu halten. Zug um Zug, Tritt um Tritt geht’s Richtung Gipfel. Als endlich die wohltuende Sonne aufgeht, sind wir unweit vom Gipfel entfernt. Um 7 Uhr stehen wir auf dem höchsten Punkt des Cholatse. Eine halbe Stunde später befinden wir bereits wieder auf dem Abstieg. Wir wollen es noch heute bis ins Basislager schaffen. Ich lasse Nicole immer wieder 50 Meter am Seil runter und klettere dann ab. Unsere beiden Sherpas erwarten uns am Fusse des Gletschers mit einem „Willkommens-Jus“. Nicole ist ziemliche müde aber glücklich! Ein zweiter, langer Tag geht zu Ende!


8. April 2007

Ich sitze in Namche Bazer in der Lodge. Nicole ist auf dem Weg nach Hause. Zufälligerweise treffe ich Kenton Cool. Ich beschliesse, mit ihm ins Everest Basecamp zu wandern.

13. April 2007 (Freitag!)

Solo in 24 Stunden die 1400 Meter hohe Pumori Westwand auf und ab!

Eigentlich sollte man heute nicht klettern! Aber dadurch wird das Wetter auch nicht besser. Im Gegenteil. Ich verlasse Gorak Shep um 11 Uhr wie ein ganz normaler Trekker. Gorak Shep liegt auf 5100 Metern und ist das letzte Lodge vor dem Everest Basecamp. Ich befinde mich aber auf dem Weg zur Pumori Westwand. Der Pumori befindet sich ca. 8 km vom Mount Everest entfernt und liegt an der Grenze zwischen Nepal und Tibet. Das Wetter ist ziemlich schlecht, und es hat bereits am Morgen viele Wolken am Himmel. Ich nehme es gelassen. So sieht mich niemand. Ich klettere mehr oder weniger die gleiche Route wie 2001 mit meinem Freund Ueli Bühler bis auf 6300 Meter. Danach gehe ich direkt Richtung Gipfel. Damals haben wir die Westwand des Pumori erstbegangen. Es war eine unvergessliche Expedition. Ueli Bühler und ich waren zum ersten Mal im Himalaya Gebirge. Wir biwakierten auf 7000 Meter und das ohne Schlafsack, unglaublich! Diesmal habe ich nicht vor, noch einmal so zu frieren. Ich komme gut voran. Glücklicherweise liegen die schwierigen Felspassagen bereits hinter mir. Doch der Wind und die kalten Temperaturen machen nicht nur mir zu schaffen. Meine Kamera hat schon lange den Geist aufgegeben und ich verspüre keine Lust, die dicken Handschuhe auszuziehen, um sie wieder funktionstüchtig zu machen. Auf 6600 Meter, etwas unterhalb unseres damaligen Biwaks von 2001, finde ich einen Biwakplatz. Ich bereite mir eine kleine Mahlzeit zu, trinke genügend und gönne mir einen 2-Stunden-Schlaf. Ich habe wieder genügend Energie, um bei diesen miserablen Verhältnissen weiterzuklettern. Mitten in der Nacht und bei Schneesturm stehe ich auf dem Pumori Gipfel, um gleich wieder abzusteigen. Ich nehme den gleichen Weg wie ich nach oben gekommen bin. Es ist ein Abenteuer für sich: 1400 Meter mit 50 Meter Seil. Um 11 Uhr treffe ich unten im Tal wieder auf meinen Sherpa. Wir verlassen sofort den Ort des Geschehens und steigen nach Lobuche ab. Exakt 24 Stunden auf und ab für den Pumori. Ich bin ja nicht abergläubisch: aber so vorsichtig wie dieses Mal bin ich noch nie in eine Wand eingestiegen.

Fast but not easy!


Pumori Westwand 7161 m



17. April 2007

Ich bin zurück im Cholatse Basislager und fühle mich ein wenig müde. Der Ausflug auf den Pumori hat mehr Substanz gekostet, als ich gedacht habe. Mir wird die ganze Annapurna Geschichte langsam ziemlich bewusst. Eigentlich müsste ich ja zufrieden sein. Die seilfreie Solobegehung der Pumori Westwand ist bereits eine super Besteigung. Viele Bergsteiger wären überglücklich. Sie würden nach Hause fahren und sie könnten auf eine erfolgreiche Expedition zurückblicken. Mein grosses Ziel liegt aber noch vor mir. Das war erst der Anfang. Und ich freue mich darauf. Ich denke mir, dass so ein Projekt nur einem aussergewöhnlichen Bergsteiger gelingen kann, der über das Mittelmass hinausgewachsen ist und sich auf dem Zenit seiner geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit befindet. Natürlich sollte ihm das Wetter gut gesinnt sein.


ANNAPURNA = GÖTTIN DER ERNTE


24. April 2007

Ich bin zurück in Kathmandu. Ich sortiere als erstes das Material und schicke es weiter Richtung Annapurna. Endlich ausspannen! Ich schwimme im Hotel Pool, geniesse die feine Pizza mit Salat, gefolgt von einem köstlichen Espresso. Was für ein schönes Leben. Ich denke an die Wand und hoffe, dass sie nicht plötzlich noch höher und steiler wird als sie sowieso schon ist. Ich darf nicht zu sehr ins Grübeln kommen. Ich kann auf eine perfekte Vorbereitung zurückblicken. Jetzt kann ich nichts mehr daran ändern. Es ist so wie es ist. Die Medaille hat immer zwei Seiten. Sieg und Niederlage und die schmale Seite, die alles zusammenhält. Erwartungen, Verlockungen, Hoffnungen, Ziele, Träume! Nicht jeder kann und möchte die Annapurna Südwand auf einer neuen Route besteigen, aber jeder kann den Mut und den Willen aufbringen, seinen Traum zu verfolgen und zu leben. Ich bin davon überzeugt, dass das Leben dazu da ist, voll und ganz gelebt und erfahren zu werden. Man sollte nicht zögern, sich die innersten Wünsche zu erfüllen.

28. April 2007

Heute sind nun alle hier in Kathmandu angekommen. Wir sind eine grosse Gruppe und es sieht mehr nach einer touristischen Trekkinggruppe aus als nach einer richtigen Expedition. Ich bin froh, all diese Freunde hier zu haben und bin überzeugt, dass es eine super Reise wird. Ich freue mich. Morgen geht’s endlich los!

5. Mai 2007

Vor 2 Tagen sind wir im Basislager angekommen. Der erste Eindruck der Wand hat mir ziemlich die Sprache verschlagen. Sie wirkte enorm steil und abweisend. Jetzt habe ich mich wieder etwas an diesen Anblick gewöhnt. All meine Gedanken sind im Augenblick nur auf diese Wand fixiert. Ich muss aufpassen, dass die ganze Route in meinem Kopf nicht noch steiler, länger und gefährlicher wird als sie in Wirklichkeit ist. Denn es gibt eigentlich nur eine Möglichkeit: geh aus dem Schlafsack, ziehe die Schuhe an und schultere deinen Rucksack.

Zum ersten Mal bekomme ich heute Morgen von Meteotest eine gute Nachricht. Ab dem 10. sollte trockene Luft in die Annapurnaregion fließen. Das bedeutet, ich könnte einen Versuch starten. Das Material liegt bereit. Der Rucksack wird viel zu schwer sein. Aber ich habe wirklich alles ausprobiert, um so wenig an Gewicht wie möglich mitzunehmen. Trotzdem: all diese Haken, Karabiner, Eisschrauben haben ihr Gewicht….

Wetterbericht: ab 8.5. nimmt der Wind zu. Windgeschwindigkeit auf 8000 Meter 40 bis 60 km/h aus Nordwesten (freie Atmosphäre). Temperaturen im Gipfelbereich -20°, vielleicht auch etwas wärmer. Wetterlage andauernd bis Sonntag/Montag 13./14. Mai.

9. Mai 2007

Wetterbericht: vorerst bleibt es noch windig. Vom Mittwoch bis Samstag weht ein starker Wind von Westen. Am Samstag dreht der Wind auf Nord und schwächt stark ab. In all den kommenden Tagen fällt nicht viel Schnee. Auch die windschwachen Tage, Sonntag bis Mittwoch 16. Mai sind mehrheitlich sonnig. Die Globalstrahlung zeigt auf dem Meteogramm „Haifischzähne“, ein Zeichen für viel Sonnenschein. Ausblick auf 17.5.: Zunahme des Windes.

Das lässt die Hoffnung steigen. Wir waren gestern im ABC, konnten aber den weiteren Weg zum Wandfuss nicht erkunden. Zuviel Nebel. Zudem hat es vorgestern stark geschneit und die Lawinen sind nur so über die Wand gefegt. Eines ist mir bewusst geworden: wenn das Wetter nicht absolut stabil ist, darf ich nicht einsteigen. Ich sitze wieder im BC und grüble über das ganze Unternehmen nach. Ich bin froh wenn es endlich losgehen kann. Aber ich werde noch mühsame Tage erleben. Zudem muss ich den ersten Schönwettertag abwarten, damit die Sonne ihre Arbeit in der Wand verrichten kann.

12. Mai 2007

Schneefall, Blitz und Donner. Der Wetterbericht hat mir etwas anderes vorausgesagt. Im Moment stimmt überhaupt nichts. Gestern waren Röbi und ich am Wandfuss auf 5740 Meter. Ist ja schon erstaunlich wie alle von einer 3000 Meter hohen Wand reden. Aber ich bin überhaupt nicht traurig. Die 700 Meter auf den Gletscher sind schon geklettert…Wir haben gefilmt und fotografiert. Zudem konnte ich zum ersten Mal etwas Wandluft schnuppern. Ich bin viel gelassener als vorher. Der erste Wandteil ist sehr viel weniger steil, als ich mir vorgestellt habe. Das ist Gelände, wo ich mich ziemlich gut und effizient bewegen kann. Den Felsriegel schauen wir uns an, wenn es so weit ist. Seillänge um Seillänge, Meter um Meter! Das Einzige was ich jetzt brauche, ist anständiges Wetter. Im Moment ist es eine Katastrophe!! Ich werde morgen wieder mit Meteotest telefonieren und dann „wait and see…“ Ich spreche mir Mut zu. Ich darf jetzt einfach nicht die Nerven verlieren. Und das ist einfacher gesagt als getan. Das war ja schon zum vornherein klar. Ich spüre auf jeden Fall, dass ich super fit bin. Das hilft mir über den Wetterfrust hinweg. Die Akklimatisation ist auch gut. Am Wandfuss auf 5600 war das Klettern wie in den Alpen. Das Video das wir gemacht haben, bestätigt es mir. Die Kletterbewegungen sind flüssig und kraftvoll…

14. Mai 2007

Elfter Tag im Basislager. Heute hat es zum ersten Mal nicht geschneit. Ich werte es als gutes Zeichen. Die Wand sieht immer noch gleich hoch und steil aus wie zuvor. Nur jetzt hat sie für mich viel mehr Strukturen als vor dem Besuch am Wandfuss. Irgendwie beruhigend. Ich wäre froh, wenn es endlich losgehen könnte. Mario Rindlisbacher hat mir noch ziemlich unstabiles Wetter prognostiziert. Es könnte Ende der Woche stabiler werden. Kenton Cool plant den Everest auf den 17. Mai. Wird er es schaffen?

Meteo von Heute:

Der allgemeine Antrieb beim Wetter bleibt schwach. Der Wind bleibt in der Höhe weiterhin schwach. Das bedeutet, dass die feuchte Luft weiterhin liegen bleibt. So ist auch am Nachmittag mit Quellwolken und Gewittern zu rechnen. Möglicherweise trocknet die Luft am Freitag ab.



15. Mai 2007

Wieder ein Tag im Base Camp. Das Wetter stellt mich ziemlich auf die Zerreisprobe. Ich schöpfe jetzt alle Mittel aus, um Wetterdaten zu kriegen. Meteotest wie bis anhin. Danach haben wir Herrn Bucheli von SF Meteo angefragt. Zusätzlich habe ich mit Herrn Dr. Gabel in Innsbruck telefoniert. Er hat letztes Jahr für Gerlinde Kaltenbrunner hier an der Annapurna die Wetterprognose gemacht. Das war ein sehr überraschendes Gespräch. Ich kenne diesen Herrn nur vom Hörensagen. Am Telefon hatte ich das Gefühl, als würden wir uns schon seit Jahren kennen. Er erklärte mir alles ganz genau. Zwischendurch sagte er mir, dass Gerlinde am Dhaulagiri verschüttet worden sei. Sie sei aber durch viel Glück mit dem Leben davon gekommen. Dieser Mann ist mir ungeheuer sympathisch. Seinen Angaben zufolge, ist das Wetter, wie es im Moment ist, noch nicht gut. Seine Erfahrung zeigen, dass es besser werden kann und es in den letzten Jahren um den 20. Mai am besten war. Das gibt mir wieder viel Mut. Ich schätze diesen Meteorologen als eine Person, die seine Arbeit liebt und sich auch mit dem Bergsteigen beschäftigt. Nebenbei hat mir Dr. Gabel noch seine Handy Nummer gegeben und gesagt, ich könne ihn jederzeit anrufen. An Sonn- und Feiertagen ginge es aber ein bisschen länger bis er die Prognose erstellt hätte. Jetzt werde ich drei Meinungen haben. Mehr kann ich im Moment nicht tun.

16. Mai 2007

Es zerreist mich fast. Ich möchte am liebsten den Rucksack packen und losgehen. Die Warterei macht mich fix und fertig. Ich hoffe der Südwind bringt nicht zu viel Schnee.

17. Mai 2007

Immer noch das gleiche Szenario! Am Morgen stahlblauer Himmel und gegen 11 Uhr zieht es zu.

18. Mai 2007

Aktuelle Wetterdaten:

Freitag bis Samstag bleibt es wie bis anhin. Auf Montag Wetterwechsel. Wind dreht auf West. Er vertreibt die feuchte Luft aus der Region. Dienstag-Mittwoch kräftiger Westwind. Bis 89 km/h auf Gipfelhöhe. Wahrscheinlich vorwiegend sonnig.

Es wäre gut, wenn man die Gefühle einfach einmal ausschalten könnte. Es gibt nichts zu beschönigen: das Wetter war zu schlecht bis jetzt. Aber ich überlege mir immer und immer wieder, ob es nicht doch gut genug gewesen wäre. Hätte ich mir den Wetterverlauf nicht tag täglich aufgeschrieben, ich würde es nicht glauben. Der Mensch vergisst so schnell.

Offizieller Wetterbericht: Samstag bis Sonntag bringt leichter Südwind etwas feuchte Luft zu der Annapurna. Dementsprechend Nachmittag Quellwolken und Schneeschauer. Montag Wetterwechsel. Wind dreht auf West und bringt trockene Luft. Mässig bis kräftiger Wind bis 50 km/h auf Gipfelhöhe. Am Berg kräftige Böen und lokale Beschleunigung. Vorwiegend sonnig.

19. Mai 2007

Die Vorhersage bleibt gleich. Endlich ein Lichtblick.

20. Mai 2007

Röbi und ich steigen ins ABC. Das Wetter ist immer noch bewölkt. Aber ich will das gute Wetter nicht verpassen.



21. Mai 2007

1 Uhr: meine Uhr weckt mich. Wecken ist übertrieben ausgedrückt: ich habe nicht wirklich geschlafen. Das gute Wetter scheint noch nicht da zu sein. Ich stelle den Wecker auf 2 Uhr.

Um 2 Uhr ist es immer noch nicht besser. Im Gegenteil, es schneit leicht. Ich verschiebe meinen Aufbruch auf 4 Uhr. Und wieder zerreißt es mich fast. Um 4 Uhr immer noch Nebel. Unter diesen Umständen ist es mir zu riskant, über den Gletscher zu gehen. Ich gebe auf und verschiebe den Start in meinen Gedanken auf Dienstag.

7 Uhr. Die Sonne weckt mich. Ich fühle mich ziemlich dumm. Ich breche auf und beschließe, so weit wie möglich zu gehen. Auch wenn es nur bis zum Einstieg ist. Röbi begleitet mich. Um ehrlich zu sein, übernimmt Röbi die ganze Spurarbeit. Er flucht über den weichen Schnee. Immer wieder sinkt er bis zur Hüfte ein. Aber er lässt mich nicht voraus. Sein Argument: ich sollte meine Kräfte noch sparen! 11 Uhr: Röbi sichert mich über den letzten großen Gletscherspalt. Er steigt ab und ich hoch zum Bergsschrund. Ich will dort biwakieren.

Auf dem Weg zum Bergschrund werden die Schneeverhältnisse nahezu perfekt. Ich sinke kaum mehr ein und beschließe, weiter zu gehen. So kräftesparend kann ich nie wieder hochsteigen. Das deponierte 100 Meter Dyneema Seil ist nicht mehr beim Bergschrund. Der ganze Bergschrund ist eingestürzt und hat mein Seil begraben. Ich überlege ein Moment und komme zum eindeutigen Schluss, dass ich das Seil nicht brauche. Ich habe 50 Meter 9mm Seil bei mir, das reicht für die Annapurna Südwand. Ich steige motiviert weiter. Das Steigen geht sehr angenehm voran, fast zu angenehm. Ich werde etwas euphorisch. Ich sehe die Wandstruktur vor mir. Ich bin überzeugt, dass ich ohne Probleme heute noch 6500 Meter erreiche, dort oben hat es einen kleinen Vorsprung in der Wand, wo ich sicher biwakieren kann. Dann, morgen 7000 zum Felsband…

Irgendwo zwischen 5800 Meter und 5900 Meter verliert sich meine Erinnerung. Alles ist nur noch schwarz.

Der nächste Augenblick ist weiß. Alles ist weiß um mich herum. Wo bin ich? Was ist passiert? Ich liege Kopf voran im Schnee, mein Körper zittert. Er zittert extrem. Ein Gefühl der Hilflosigkeit überkommt mich. Ich bin von einem Stein getroffen worden. Mein Helm ist total zerstört. Ich muss bewusstlos abgestürzt sein. Ich weiss noch gar nicht was geschehen ist. Ich versuche meine Beine zu bewegen. Sie bewegen sich. Gut, dann kann ich noch gehen. Ich ziehe den Helm ab und taste meinen Kopf ab. Kein Blut. Systematisch taste ich meinen ganzen Körper auf Blutspuren ab. Nichts, zum Glück. Ich nehme das Funkgerät und setze mich mit Röbi in Verbindung. Das Sprechen ist kaum möglich, und immer noch dieses Zittern. Plötzlich überkommt mich eine extreme Angst. Röbi fragt mich, ob ich den Bergschrund sehe. Doch ich sehe nichts, außer einer riesigen, weißen Fläche. Ich muss unbedingt weg hier, solange ich noch keine Schmerzen habe. Wie lange kann mein Körper die Schmerzen noch unterdrücken? Dann realisiere ich, dass ich zwischen 200 und 300 Meter abgestürzt sein muss. Ich muss sofort absteigen. Doch wohin? Ich gehe etwas nach links. Nach einer Weile lichtet sich der Nebel und ich sehe weit vorne eine Bambusmarkierung. Diese ist von uns. Das ist wie eine sichere Insel, denn dort befindet sich unsere Aufstiegsspur. Der Nebel schliesst den Vorhang wieder. Der Gletscher ist voll von verdeckten Spalten. Ich setze vorsichtig einen Fuss vor den andern, jederzeit bereit in die Tiefe eines Spaltes zu stürzen. Es passiert in einem Sekundenbruchteil und meine Füsse baumeln im Leeren. Ich beuge den Oberkörper instinktiv blitzschnell nach vorne. Nur so kann ich verhindern, dass ich in die Spalte falle. Ich verharre eine Zeit mit dem Oberkörper über dem Spaltenrand, bis ich wieder genug Energie habe, mich aus der misslichen Lage zu befreien. Auf der anderen Seite des Spaltes ergreift mich wieder diese Angst. Verzweifelt liege ich im Schnee und zittere. Ich habe das Gefühl ich müsste sterben.

Zitternd gehe ich weiter, Schritt für Schritt und breche noch einmal ein. Wieder baumeln meine Füsse im Abgrund und mein Oberkörper ist über den Spaltenrand gebeugt. Irgendwo vor mir muss die rettende Aufstiegsspur sein. Dann endlich die Bambusmarkierung. Ich breche noch einmal zusammen. Mein ganzer Körper zittert wieder und es will nicht aufhören.

Ich steige langsam ab und schon bald empfängt mich das nächste Hindernis. Die riesige Gletscherspalte, über die mich Röbi vor ein paar Stunden gesichert hat. Sie ist offen und tief, verdammt tief. Sehr vorsichtig steige ich über die äusserst fragile Schneebrücke, wage kaum zu atmen. Sie hält, ich bin auf der anderen Seite, auf der Seite des Lebens. Ich melde mich per Funk bei Röbi. Er ist im ABC und macht sich bereit zum Wiederaufstieg. Der weitere Abstieg bis auf die Moräne verläuft problemlos. Irgendwann erscheint Röbi im Nebel. Es ist ein gutes Gefühl. Er wird mir jetzt alle Entscheidungen abnehmen. Wir setzen uns in den Schnee und ich versuche ihm zu erzählen, was passiert ist. Das Sprechen fällt mir enorm schwer. Im ABC kontaktieren wir Oswald. Er macht eine kurze Diagnose und gibt mir das OK zum Absteigen. Mein Gleichgewichtssinn ist etwas angeschlagen. Wie betrunken erreiche ich zusammen mit Röbi am späten Nachmittag das Basecamp. Von hier aus könnte man mit einem Helikopter rausfliegen. Ich bin erleichtert.

Starke Kopfschmerzen machen sich bemerkbar. Rücken und Hals sind ziemlich steif. Überall Prellungen. Ich habe Glück. Es ist nichts gebrochen. Aber auch Pech. Dass ein einziger Stein sich auf 7000 Metern aus dieser riesen grossen Wand löst und genau auf meinen Kopf fällt, scheint fast unmöglich zu sein. Aber es ist passiert.

23. Mai 2007

Mit einem dicken Brummschädel verlasse ich das Basecamp. Oswald verabreicht mir eine gute Dosis rosaroter Pillen. Sie wirken Wunder. Sobald die Wirkung aber nachlässt, fühlt es sich an, als ob ich die ganze Nacht in einer Bar verbracht hätte. Das Pochen ist dann schier unerträglich. Ich bekomme noch eine Dosis und ich kann tief und fest schlafen. Wunderbar. Was die moderne Medizin alles bewirken kann!

21.Juni 2007

Es ist ein Monat vergangen. Ich habe sehr viel nachgedacht. Dass ein herabfallender Stein mich mitten auf den Kopf treffen musste, war grosses Pech. Ansonsten war die Expedition perfekt. Ich bin näher dran, als jeder andere Bergsteiger, diese Wand zu durchsteigen. Ich werde es noch einmal probieren.



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Hauptstrasse 14

CH-3806 Bönigen

Telefon +41 (0)79 291 31 25

E-mail info @ uelisteck . ch




01.08.2007 (Redaktion Edwin Haas)

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