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Patagonien oder die Liebe zum Wind und anderen Dingen
Ein Expeditionsbericht von Max Bolland

Der Rohrdorfer Max Bolland (31) und sein Traunsteiner Seilpartner Hans Mitterer (29) waren im Herbst 2007 in der Ferrariroute am Traumberg Cerro Torre unterwegs. Mit Schwierigkeiten bis über 90 Grad im Eis, M5-6 im kombinierten Gelände und vor allem heikle, kaum absicherbare Seillängen in senkrechtem Schnee und Anraum verlangte Ihnen die 1400 Meter Hohe Wand alles ab. Max Bolland hat uns seinen Expeditionsbericht über das Patagonien Abenteuer geschickt:

Aus dem Westen nichts Neues könnte man in Anlehnung an Remarques Kriegs-roman unsere Lage beschreiben. Seit zwei Tagen sitzen wir in der kleinen Forschungshütte am Passo Marconi fest und aus West donnert uns der Wind um die Ohren, dass einem selbst im tausendfach windgeprüften Refugio Angst und Bange werden kann. Der Lärmpegel ist jedenfalls beeindruckend – patagonischer Alltag!

Am nächsten Morgen weiß ich erst gar nicht von was ich aufgewacht bin, bis mir mit einem Mal die seltsame Stille auffällt. Wenn die ganze Nacht der Wind an den Blechwänden rüttelt, kann man schon mal von der plötzlichen Ruhe wahrhaft aus dem Schlaf gerissen werden. Aus der Wärme meines Schlafsacks erspähe ich durch die mit Raureif überzogenen Fenster die vertrauten Umrisse des Fitz Roy. Langsam dämmert es in meinem schlaftrunkenen Gehirn: das Wetter ist gut!

In der eisigen Kälte dieses Morgens erstreckt sich vor uns ein unglaubliches Panorama wie von einer anderen Welt: ebenmäßig wie ein See liegt das Inlandeis vor uns, geheimnisvolle Berge ragen wie Inseln aus dem Weiß, das zarte Licht des Morgens verfärbt die Bergspitzen und lässt den Neuschnee ergleißen. Unsere Augen leuchten wie bei Kindern unterm Weihnachtsbaum.

Stunden später haben wir die grenzenlose Weite des Inlandeises nicht nur erblickt, sondern auf schmerzhafte Weise auch erfahren: der Weg zu unserem Basislager am Circo de los Altares zieht sich. Der in die Eisfläche ragende Felssporn, der, wie wir richtigerweise annehmen, unseren Zielpunkt, den Circo de los Altares, markiert, ist in den letzten Stunden nicht wesentlich näher gekommen…


Um dem monotonen Dahingestapfe eine Struktur zu geben, greife ich auf das bewährte Mittel des Schrittezählens zurück. Jeweils bis Hundert zählen und dann das Ganze wieder von vorne. Bei einer Marschstrecke von 20km kommen da so einige Hunderterblöcke zusammen, zählen kann ich jetzt jedenfalls!


Die Westwand des Cerro Torre ist für mich mehr als nur eine Klettertour, eher ein Märchenschloss aus Eis und bizarren Schneepilzen,

durch die, Geheimgängen gleich, senkrechte Eistunnels einen Aufstieg ermöglichen sollen. Von einem Freund aus Chalten haben wir noch letzte Informationen zur Ferrari-Route erhalten – unser Schatzplan zum Gipfel des Cerro Torre. Und nun stehen wir endlich davor, vor uns breitet sich der Circo de los Altares aus. Ein passender Name für diesen wilden, einsamen, irgendwie heiligen Platz.

In einer riesigen Schneewechte errichten wir das, was unser Zuhause für die kommenden Wochen werden soll. Nach stundenlanger Schaufelei ist unsere Wohnung einzugsbereit: 8qm Wohnfläche, weder fließend Wasser noch Zentralheizung, ausgesprochen ruhige Lage. Wieso man sein komfortables Leben in den eigenen vier Wänden mit all ihrem Komfort für 8qm Eishöhle aufgibt, in der man nicht mal aufrecht stehen kann? Aus Liebe zu den Bergen, zum Abenteuer, zum Leben? Aus Liebe zum Wind? Vielleicht ist die Antwort gar nicht so wichtig, solange man sich gut bei dem fühlt, was man tut. Nach den obligaten Tagen des Wartens, Nichtstuns, des

Blödschauens und irgendwelcher Pseudobeschäftigungen gibt uns das Wetter unsere Chance. Bei besten Verhältnissen drängen wir nach oben, über besten Trittfirn, einer vergnüglichen Mixedlänge und dem abschließenden Blankeisfeld erreichen wir problemlos das Col der Hoffnung.

Ein vehementes Zupfen am Seil reißt mich aus meinen Tagträumen über die Geschichten, die sich an diesem Berg schon ereignet haben. Der Hans treibt nach oben und ich folge dem Seil, das sich zwischen Eispilzen und Anraumriefen seinen Weg sucht. In spektakulärem Ambiente aber noch leichter Eiskletterei erreichen wir die Basis des ersten gewaltigen Eispilzes der dank seiner Form als „Helmo“ bekannt ist. Die erste Schlüsselstelle!

Ganz den Ratschlägen unseres argentinischen Freundes folgend suche ich im linken Teil nach einem dieser ominösen Eistunnels, um einer heiklen Kletterei über die 90° steile Schneewand zu entgehen. Ich werde ausgiebig fündig: insgesamt drei Eingänge stehen zur Verfügung, bei keinem kann ich von unten beurteilen, ob sie tatsächlich die kompletten 30m bis auf den Helm durchgehen oder ob sie nicht nach einigen Metern in einer Sackgasse enden. Nach einigem Zaudern und Zagen entscheide ich mich für einen Eingang, quetsche meinen Körper mühsam durch den engen Schlupf und stelle erleichtert Licht am Ende des Tunnels fest. 30m geht es senkrecht durch die klaustrophobische Röhre nach oben ohne etwas, das der Bezeichnung Sicherung gerecht käme. Ich stütze, stemme, quetsche und fluche, bis sich die Steilheit des Tunnels endlich neigt. Das erste große Fragezeichen der „Ferrari-Route“ durch die Westwand wird durch ein Ausrufezeichen ersetzt: Die bisher ungewöhnlichste Seillänge meiner „Kletterkarriere“ liegt hin mir und einmal mehr decken sich Traum und Realität. …

Die Seile werden fixiert und ich kehre zum Hans zurück, der im auffrischenden Wind treu als Sichernder ausharrt ohne von meinem Kampf mit mir und dem Schnee auch nur das Geringste wahrzunehmen.

Die folgenden 36 Stunden verbringen wir in unserem Bergans-Minizelt am Fuße des Helmo. Aus dem auffrischenden Wind ist in kurzer Zeit ein Orkan geworden, der uns die Zeltplanen um die Ohren schlägt. Bei dem Lärm ist an wirkliches Schlafen nicht zu denken und das Zelt verlassen wir nur für das Allernotwenigste, und das wird dann schon mehr als unangenehm. „Nicht gegen den Wind pissen“ ist leicht gesagt, wenn der Sturm von allen Seiten gleichzeitig zu kommen scheint.

Die Hoffnung auf baldige Wetterbesserung weicht der zunehmenden Sorge, überhaupt wieder heil vom Berg runter zu kommen. Irgendwann ist klar, dass wir runter müssen. Was folgt, ist ein Rückzug im Inferno aus Schnee, Eis, Kälte, Wind, Wind und nochmals Wind. Nach oben fliegende Seile, vereiste Skibrillen, vereiste Augen und Gesichter, vereiste Kleidung, alles ist innerhalb von Minuten mit einer dicken Eisschicht bedeckt. Der Hans taucht neben mir auf und ich frage mich, wir er noch Luft bekommt bei dem Eisbalken der auf seiner Oberlippe klebt. „Jetzt wird es ernst“, denke ich kühl. Jegliche tiefere Emotionen und Ängste werden vom Sturm hinfortgerissen. Aber wir schaffen es, wir überleben, wenn auch nicht ganz unbeschadet. Meine linke Großzehe bleibt auch nach dem Auftauen gefühllos und weiß, die rechte schmerzt dafür höllisch, vom ständigem Warmklopfen gegen das harte Eis hat sich unter dem Nagel ein Hämatom gebildet.

Drei Tage später, als unser Zelt schon an der Laguna Ferrari steht, begreif ich, dass unsere Expedition jetzt wirklich vorbei ist, voller Wehmut denke ich an all die Erlebnisse und Eindrücke der letzten Wochen zurück. An unsere verpasste Chance, die nicht gelüfteten Geheimnisse der Wand, die ich so gern noch ein bisschen erforscht hätte, an die Träume, die sich nun nicht mehr mit der Realität decken werden. Mit meinen Zehen hätte es keinen Sinn gemacht weiter zu machen.

Nach zweitägigem Gewaltmarsch trudeln wir in Chalten ein, am Ende der Kräfte und meiner persönlichen Schmerztoleranz. An die letzen Kilometer unseres Weges erinnere ich mich nur noch wie in Trance: an all die qual Schritte, die höllischen

Schmerzen in meinen Füßen, aber auch an die unglaubliche Schönheit der Landschaft, durch die ich torkle. Ein Teil von dir hasst alles, den Weg, das Gehen, die sinnlose Schlepperei, deine bescheuerten Träume und Ideen, der andere Teil von dir könnte weinen vor Glück, so berauschend schön thronen Fitz Roy und Cerro Torre im Abendlicht über dem dürren Pampagras und den verkrüppelten Bäumen. Es ist eine für das extremere Bergsteigen so typische paradoxe Situation.

Stück für Stück sind wir zurückgekehrt in die Zivilisation: ein paar Steinmännchen zuerst, später vereinzelt Relikte früherer Expeditionen, ein gebrochner Ski, eine rostige Konservenbüchse, das erste Gras, Vogelgezwitscher, dann die ersten Menschen. Jetzt sind wir in Chalten mit Pizzeria, Bier, Dusche, Internet und der attraktiven Ärztin Carolina, die sich meiner Füße annimmt, zurück bei meinen Freunden und in den Bars. Ich genieße das Hiersein, die Gespräche und die langen Nächte in vollen Zügen…ein Stück Heimat.


Wir danken unseren Sponsoren:

VHV Versicherung - www.vhv.de

Deutscher Alpenverein - www.alpenverein.de

Bergans of Norway - www.bergans.de

Invia (Duetschlandvertrieb von Mountain Equipment ) www.invia.de

Grivel Steigeisen und Eisgeräte - www.grivel.com

Scarpa Deutschland Vertrieb - www.scarpa-schuhe.de


Text: Max Bolland, 2008
Bilder: Max Bolland & Hans Mitterer


Weitere Bilder und Infos zur Expedition unter:

Erlebnis Berg
Die Bergschule von Max Bolland und Jan Mersch
Stuhlrain 1
D-83083 Riedering
+49 170 - 1616 470
info@erlebnis-berg.com
www.erlebnis-berg.com

27.03.2008 (Redaktion Edwin Haas)

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