Mitteilung der Bergrettung-Salzburg zum Avalanch-Ball
Rettung durch den "Avalanche Ball"
Eine Salzburger Skibergsteigerin verdankt dieser Spezialausrüstung ihre
Rettung aus einer Schneebrettlawine. Als Einzige war sie bei einer Skitour
in Südtirol mit dem „Lawinenballon“ ausgerüstet - nicht zu verwechseln mit
dem „Lawinen Airbag“, dem ebenfalls großer Nutzen zugeschrieben wird.
Benutzer des Ballons können diesen über eine Auslöseleine blitzschnell im
Notfall auslösen. Durch eine vorgespannte Feder öffnet er sich, in
Bereitschaft ähnlich wie ein Lampion gefalltet, zu einem Ballon der an der
Oberfläche der Lawine bleibt und mit einer sechs Meter langen
Sicherungsleine mit einem Bauchgurt verbunden ist. Diese Sicherungsleine
führt Helfer rasch zum verschütteten Opfer.
Für den Abend des Unglückstages in Südtirol war eine Vorführung dieser
modernen Ausrüstung bei gemütlichem Beisammensein geplant gewesen. Niemand
ahnte beim Aufbruch zu dieser Skitour, dass die „Vorführung“ früher
stattfinden sowie wesentlich gefährlicher und dramatischer sein würde.
Von Estolf Müller, stellv. Landesleiter, Bergrettungsdienst Salzburg
Anfang Jänner 2005, im Ahrntal von Südtirol: Eine Skitourengruppe aus
Stadt und Land Salzburg war angereist, um Dreikönig für Winterfreuden zu
nutzen. Schneelage: deprimierend, obwohl im Warnbericht für das
nordöstliche Südtirol von Schneedecke bis 50 Zentimeter und
Lawinenwarnstufe 2 berichtet wurde. Im Ahrntal stellte sich die Situation
traurig dar, denn Südhänge waren bis zu Graten und Gipfeln fast
schneefrei, und Nordhänge sahen nicht viel besser aus. Die Gruppe
entschloss sich für eine Erkundungstour in das nach Osten führende
Windtal. Ziel war das Lenkjöchl. Alle waren mit Verschüttetensuchgerät
(LVS) und eine Teilnehmerin zusätzlich mit dem „Avalanche Ball“
ausgerüstet. Die Gruppe macht vor Abmarsch eine „Piepskontrolle“, sie
testet die Funktion aller LVS-Geräte durch Partner-Check.
Wenig verdächtige Ausgangslage
Der wenige Schnee war schlecht verfestigt. Die Gruppe konnte mit Mühe eine
Spur anlegen, die stellenweise über Steine führte. Erst nach der
Labesaualpe (1.757 Meter) lag im zunächst flachen Windtal auf etwa 2.000
Metern Seehöhe eine durchgehend lockere Schneedecke, durch die man immer
wieder Felsen und Gestein spürte. Ab 2.100 Metern führte der Weg über
einen Rücken und einige leichte Mulden mit wenig Schnee auf ca. 2.300
Metern. Um zur nächsten Wegmarkierung zu gelangen, musste eine leichte,
etwa 50 Meter breite Mulde gequert werden. Hier war der flach auslaufende
Hang etwa fünf bis zehn Grad steil. Nach oben hin errechte er eine
maximale Steilheit von 30 Grad nach heutiger Lehrmeinung kein Problem
bei Warnstufe 2 und der Abwesenheit anderer Gefahrenzeichen, wie es hier
der Fall war.
Erst Nachlawine bringt Total-Verschüttungen
Als sieben Personen dieser Gruppe dann den Hang querten, löste sich ein
Schneebrett. Die ersten zwei (A & B) wurden 25 Meter mitgerissen und
stecken dann bis zum Oberkörper im Schnee. Nach Stillstand dieses ersten
Schneebrettes wurden A und B dann von einer Nachlawine noch total
verschüttet, das heißt auch die Köpfe waren mit Schnee bedeckt. A konnte
sich mit der Hand ein Atemloch nach außen freihalten und sich bemerkbar
machen. B ist jene Frau, deren Rucksack mit dem zusätzlichen Notsystem
ausgerüstet ist. Sie konnte ihren „Avalanche Ball“ beim Abgang der Lawine
noch rechtzeitig auslösen, bevor sie unter dem Schnee verschwand. Nun war
nur noch dieser an der Oberfläche zu sehen.
Weitere zwei (C & D) wurden von der Nachlawine bis zu den Knien
verschüttet. Sie konnte die Punkte genau beobachten, an denen die zwei
anderen Personen (A & B) in den Schneemassen verschwunden sind. Drei bis
zur Brust drin Drei weitere Personen (E, F & G) wurden ebenfalls von der
ersten Lawine erfasst. Zwei versuchten aus den sich bewegenden
Schneemassen zu fliehen. Doch alle drei wurden bis zur Brust verschüttet.
In ihrem Bereich wurde die Nachlawine von aufgehäuften Schneemassen der
ersten Lawine abgelenkt und erreichte die drei nicht mehr. Eine weitere
Person (H) konnte den Lawinenabgang unbeteiligt beobachten, blieb
unverletzt und erlitt einen leichten Schock. Weitere Mitglieder der Gruppe
waren völlig unbeteiligt und kamen erst wenig später und in größeren
Abständen zur Unglücksstelle.
Schnee in kurzer Zeit beinhart
Der zuerst lockere Pulverschnee verfestigte sich nach Stillstand des
Schneebrettes innerhalb von Minuten. Der Schnee wurde schnell beinhart.
Nur mit großer Anstrengung konnten sich C und D, die bis zu den Knien
verschüttet waren, ihre Bindungen öffnen und sich aus der Umklammerung
befreien. Das dauerte drei bis vier Minuten. Sie nahmen Kontakt mit dem
Mann (A) auf, der total verschüttet war, sich jedoch mit der Hand ein
Atemloch freihalten konnte. Die bis zur Brust verschütteten (E, F & G)
begannen sofort zu graben und sich selbst aus ihrer Lage zu befreien
eine beinharte Arbeit, die relativ lang dauerte.
Ballon: sehr schnelle Orientierung möglich
Bei der zweiten Person (B), die vollständig verschwunden war, handelte es
sich um jene Frau, die als einzige einen Rucksack mit „Avalanche
Ball“-Notsystem trug. Sie konnte ihren Ballon rechtzeitig auslösen. Nun
war nur noch dieser zu sehen. Der Mann (C), der nur bis zu den Knien
verschüttet war und sich schnell befreit hatte, eilte zum Ballon und riss
etwa fünf Meter der Sicherungsleine aus dem Schnee. Er gelangte so schnell
zu dem Punkt, an dem die Verschüttete lag. Er zog weiter kräftig an der
Leine. Die Verschüttete erzählte später, dass sie seinen Zug deutlich
gespürt habe und ab diesem Moment kaum noch Angst und Panik hatte - weil
sie wusste, dass Helfer über ihr waren.
Aktion geht glimpflich aus
Einer, der sich ebenfalls selbst befreien konnte, eilte hinzu. Gemeinsam
gruben die Männer die Frau aus mit Hilfe ihrer Lawinenschaufeln. Ohne
diese wäre eine schnelle Hilfe auf dem harten Schnee unmöglich gewesen.
Die Frau lag auf dem Bauch etwa 75 Zentimeter unter der Oberfläche. Sie
war nach insgesamt (nur!) acht bis neun Minuten seit Verschüttung schon
leicht „blau“, wie Bergretter, Notfallsanitäter und Notärzte sagen. Das
heißt: Massive Sauerstoffschuld für Gehirn und Kreislauf zeichnete sich
bereits ab. Viel länger hätte es nicht dauern dürfen. Jede weitere Minute
hätte ihre Chancen massiv verringert. Weiteres Glück: Körperlich war die
Frau unverletzt, weil sie unter dem Schnee nicht über Felsen, Steine oder
Bäume gedrückt worden war - was bei Lawinen zu tödlichen Verletzungen
führen kann.
Dieses Schneebrett ist im flachen Gelände etwa 25 Meter unterhalb der
Gruppe - zum Stillstand gekommen. Die Massen türmten sich bis zu
dreieinhalb Meter Höhe auf. Außer dem Verlust von zwei Skistöcken, Fellen
und leichten Zerrungen ging der Unfall für alle glimpflich aus. Alle
konnten aus eigener Kraft ins Tal abfahren. Und so las sich der amtliche
Lagebericht in Südtirol für diesen 6. Jänner 2005 im Ahrntal: Warnstufe 2
, geringe Schneelage, wenig verfestigte Schneeablagerungen in Mulden und
Gräben bis maximal 50 cm Höhe. Wetter: leichtes Schneetreiben, nebelig,
Sichtweite 400 bis 1.000 Meter.
Analyse: „Avalanche Ball“ zu empfehlen!
Der Verfasser dieser Zeilen erreichte die Unglücksstelle erst, als alle
Verschütteten befreit waren. Dieser Bericht wurde nach Absprache mit der
ganzen Gruppe verfasst. Wir haben eine Nachbesprechung durchgeführt und
publizieren diese Erfahrungen, weil sie anderen Bergsportlern nützlich
sein könnten. Nachbesprechungen sind aus unserer Sicht oft nötig - auch
aus psycho-hygienischen Gründen, um Traumata der Seelen zu orten und
gegebenenfalls durch professionelle Hilfe von Psychologen lindern zu
können.
Wir können Ihnen nach diesem Unfall die Verwendung des „Avalanche Ball“
empfehlen für Tourengeher, Snowboarder oder Variantenfahrer. Dass alle
Teilnehmer unserer Skitour jeweils ihre Notfall-Ausrüstung (LVS-Gerät,
Stabsonde, Lawinenschaufel) in vollem Umfang dabei hatten, sei am Rande
angemerkt. Alle LVS-Geräte waren funktionstüchtig und eingeschaltet. Doch
die entscheidende Zeit gewann man durch den Ballon!
Mehrfachverschüttungen gut zu bewältigen
Wie bereits berichtet, hatte nur die später verschüttete Frau die
Zusatzausrüstung „Avalanche Ball“ dabei, die in der Szene (noch) relativ
selten zu sehen ist. Ob man den „Avalanche Ball“ (reine
Markierungsfunktion für den späteren Weg zum Opfer) verwendet oder einen
„Lawinen Airbag“ hat, der das Opfer über physikalischen Auftrieb direkt an
der Oberfläche halten kann: In beiden Fällen sollte daneben auch die
„normale“ Notfallausrüstung für das winterliche Hochgebirge mitgeführt
werden.
Die Funktion des Ballons besteht darin, dass er an der Oberfläche liegen
bleibt und Helfer über die Sicherungsleine sehr schnell die Richtung zum
Opfer finden. Im konkreten Fall gelang das schneller als mit LVS-Geräten.
Darüber sind sich alle Beteiligten einig. Die Verschüttete war nach (nur!)
etwa neun Minuten unter dem Schnee im Grenzbereich ihrer Atmung
angekommen. Jede Verzögerung hätte die Lebensgefahr erhöht. Bei
Mehrfachverschüttungen mit viel Stress für alle Opfer und Helfer könnte
man auch mehrere Verschüttete, die mit Ballons und Notleinen ausgerüstet
sind, in kürzester Zeit orten und befreien.
Quelle: www.bergrettung-salzburg.at,
Newsgroups:de.rec.alpinismus: Betrifft:Rettung durch den "Avalanche Ball" Datum:2005-02-01 13:48:02 PST
04.03.2005 (Redaktion E.H.)
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